
Schaffhausen von Westen um 1850
Schaffhausen verdankt seinen Ursprung seiner günstigen Lage. So lange der Rhein mit Schiffen befahren wurde, mussten hier die Handelsgüter kurz vor dem Rheinfall ausgeladen werden. Die Stadt entwickelte sich also an dem Ort, wo die Strassen von der Rheinfähre, vom Klettgau und Hegau zusammenliefen, also um den heutigen Fronwagplatz. Verkehr und Handel bildeten die Grundlage für die Entstehung eines vielgestaltigen Gewerbes.
Vom Marktort zur reichsfreien Stadt
Am 10. Juli 1045 tritt Schaffhausen erstmals in die Geschichte ein. Zu dieser Zeit erhielt Graf Eberhard von Nellenburg von König Heinrich III. das Münzrecht in der villa Scafhusun. Es darf angenommen werden, dass zu diesem Zeitpunkt sowohl die Stadtbefestigung wie auch das Marktrecht bereits bestanden hatten.
Die Gründung des Klosters Allerheiligen im Jahr 1049 durch den Grafen hatte ebenfalls einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des aufstrebenden Gemeinwesens. Es zählte zusammen mit Hirsau und St. Blasien zu den grossen Reformklöstern des deutschen Reichs. 1218 übernahm der Kaiser die Vogteirechte und machte damit Schaffhausen zur reichsfreien Stadt.
Grab
Eberhards von Nellenburg und seiner Gemahlin Ita sowie ihrem Sohn Burkhart. 12th Jhd.
Museum
zu Allerheiligen, Schaffhausen.
Ansicht des Klosters. Zeichnung von H. C. Lang, c. 1600
Von besonderer Bedeutung sind die Beziehungen Schaffhausens zu den Habsburgern, die durch die Verbindungen des städtischen Adels mit den Adligen im Hegau noch gestärkt wurden. 1330 wurde Schaffhausen schliesslich von König Ludwig dem Bayer an das Haus Habsburg-Österreich verpfändet. Unter österreichischer Herrschaft wurde jedoch das militärische und finanzielle Potenzial der Bürger derart stark beansprucht, dass die Stadt für längere Zeit in soziale und finanzielle Schwierigkeiten geriet. Am Ende des 14. Jahrhunderts war Schaffhausen massiv verschuldet, die führenden Geschlechter teilweise abgewandert oder wegen der verheerenden Kriege gegen die Eidgenossen ausgestorben. Erst im 15. Jahrhundert konnten verschiedene Rechte der Bürger wieder zurückgewonnen werden. Das Jahr 1411 darf als einer der wesentlichen Marksteine in der Entwicklung der Stadt angesehen werden, indem die Einführung der Zunftverfassung der politischen Struktur Schaffhausens über Jahrhunderte den Stempel aufprägte.
Silber- und Goldpokale der Zünfte 17.-18. Jhdt.
Schaffhausen wird eidgenössisch
1415 erlangte Schaffhausen unerwartet wieder die Reichsfreiheit, weil sich der damalige König Sigmund mit Herzog Friedrich von Österreich zerstritten hatte. Dauernd verfolgt durch die Rückgewinnungsabsichten Österreich schloss die Stadt verschiedene Bündnisse ab, bis sie sich erstmals 1454 mit den Eidgenossen verbündete. Erprobt als zuverlässiger Partner in den Burgunderkriegen und im Schwabenkrieg wurde Schaffhausen schliesslich 1501 als 12. Ort in den ewigen Bund der Eidgenossen aufgenommen.
Bundesbrief der Stadt Schaffhausen mit den Eidgenossen 1501
Reformation und Ausbau des Territoriums
Die Stadt ist die Schöpferin des heutigen Kantons. Stück um Stück der Schaffhauser Landschaft wurde erworben und zum Stadtstaat zusammengefügt. Die Säkularisation des Klosters Allerheiligen 1524 brachte der Stadt Merishausen, Neuhausen und Hemmental ein. 1529 schloss sich der aufstrebende Stadtstaat durch Grossratsbeschluss der Reformation an. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts waren die Grenzen, die bis zum Ende des Ancien régime bestanden, schon fast ausgebildet. Schaffhausen baute in dieser Zeit ihr Befestigungssystem, unter anderem den Munot weiter aus. Der Rat herrschte über die in zehn Verwaltungsbezirke aufgeteilte Landschaft. Schliesslich fügte die Stadt 1723 durch Kauf den Reiat ihrem Territorium bei.
Städtisches Selbstbewusstsein
Mit dem Anschluss Schaffhausens an die Eidgenossenschaft war die heutige Altstadt in ihrer Form bereits abgeschlossen. Die Bürger nahmen die Kunstpflege selber an die Hand. Die Häuser erhielten Erker und Fresken, die Fenster Glasgemäldeschmuck. Die Brunnen wurden mit Figuren geschmückt. Die Reformation brachte jedoch eine gewaltige Umstellung mit sich. Zahlreiche Kunstwerke der Romanik und Gotik wurden im Bildersturm zerstört. Die kirchlichen Aufträge blieben den Künstlern aus. Nur die Glasmalerei kam bald in Schaffhausen zu einer eigentlichen Hochblüte, die mit den beiden Künstlern Daniel Lindmayer (1552-1607) und Tobias Stimmer (1539-1584) ihren Höhepunkt erreichten. Stimmer, der bedeutendste Maler seiner Zeit, schuf die Fresken am Haus zum Ritter an der Vordergasse. Zahlreiche Bürgerhäuser wurden im Verlauf vom 16. bis zum 18. Jahrhunderts neu gestaltet, anfänglich im Renaissance-, später im Barockbaustil. Die zahlreichen Erker wurden mit den Familienwappen der jeweiligen Besitzer geschmückt. Im Inneren erhielten die meisten Bürgerhäuser kunstvoll gefertigte Stuckdecken.
Fresken
von Tobias Stimmer an der Fassade des Hauses zum Ritter.
Zeichnung
von J. J. Beck, ca. 1850.
Niedergang des Bürgertums
Im Jahre 1798 brach der alte Obrigkeitsstaat zusammen. Schaffhausen, zeitweilig Treffpunkt fremder Heere und Kriegsschauplatz, musste manche Prüfung über sich ergehen lassen. Die Regenerationsverfassung von 1831 brach die Vorrechte der städtischen Bürgerschaft. Mit der Ausscheidung des Staats- und Stadtguts entstand die Gemeinde Schaffhausen mit eigenem Verwaltungsapparat. Die Gemeinden der Landschaft wurden selbständig. Darüber stand nun neu die Kantonsregierung. Gleichsam symbolisch drückte sich auch äusserlich diese Umwandlung aus, indem jetzt der Rahmen der Stadt gesprengt wurde: die Mauern und zahlreiche Türme und Tore fielen. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war für die junge Stadtgemeinde überschattet von wirtschaftlicher Not und Depression. Die Aufhebung der Schifffahrtsvorrechte auf dem Rhein und der Beitritt Badens zum deutschen Zollverein beschleunigten den Niedergang, der mit dem gleichzeitigen Anstieg der Bevölkerung zur Massenauswanderung führte.
Ansicht
von Schaffhausen mit Munot, Schifflände und
Rheinbrücke
Lithographie
von J.-L. Deroy und Th. Müller, 1850
Wirtschaftlicher Aufschwung durch Industriepioniere
Es war das Verdienst tatkräftiger Pioniere wie Heinrich Moser und Friedrich Peyer Im Hof, die durch die Erschliessung der Wasserkräfte des Rheins und den Anschluss Schaffhausens ans Eisenbahnnetz die Wege in die Zukunft erschlossen und nach dem Zusammenbruch der alten Zunftherrschaft der Stadt blühende Industrien zuführte. In weniger als fünf Jahrzehnten wurde Schaffhausen zu einem führenden Industriezentrum der Schweiz. Die Schweizerische Industriegesellschaft SIG mit Wagonbau, Waffenfabrik und Verpackungsmaschinen, die ehemaligen Eisen- und Stahlwerke von Johann Conrad Fischer und später Georg Fischer +GF+, die Alusuisse, IWC und die Internationale Verbandstofffabrik IVF erhielten Weltruf. Vom städtebaulichen Standpunkt aus muss es als Glück betrachtet werden, dass diese Entwicklung erst richtig einsetzte, als eine Verlagerung der Grossindustrie unabhängig der direkten Wasserkraft in die entfernten Aussenquartiere möglich war. Durch den raschen Anstieg der Bevölkerung wuchsen gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Aussenquartiere, die anfänglich als Arbeitersiedlungen geplant waren. Der Zustrom ausländischer Arbeitskräfte vor allem aus dem süddeutschen Raum führte zu starken Linksparteien.
Eisen- und Stahlwerke Georg Fischer AG (+GF+), ca. 1930.
Schaffhausen im 2. Weltkrieg
Als Grenzkanton erlebte Schaffhausen die Zeit des Weltkriegs sehr ausgeprägt. Einerseits bedroht durch Hitlerdeutschland, im Inneren zerrissen durch rivalisierende Parteien der Nationalen Front, Kommunisten und Sozialdemokraten. Am 1. April 1944 wurde die Stadt irrtümlich von amerikanischen Fliegern bombardiert. Den Bomben fielen damals 40 Menschen zum Opfer. Zahlreiche Häuser und Kunstwerke des Museums wurden zerstört.
Schaffhausen nach der Bombardierung, 1. April 1944
Der Aufschwung der Nachkriegszeit
Erst die Nachkriegszeit mit Wirtschaftsaufschwung, steigendem Einkommen, und Sozialpartnerschaft brachte den Ausgleich der sozialen Gegensätze und den allgemeinen Wohlstand. Durch die Eingemeindung von Buchthalen 1947 und Herblingen 1964 sowie durch das rasche Bevölkerungswachstum stieg die Stadtbevölkerung um ein Mehrfaches. Sie ist inzwischen bei rund 34'000 angelangt. Der stark aufkommende Individualverkehr sowie der einsetzende Bauboom der Siebzigerjahre veränderten das Weichbild der Stadt nachhaltig. Die Altstadt blieb glücklicherweise durch kluge denkmalpflegerische Auflagen von dieser Entwicklung weitgehend verschont.
Flugbild der Stadt, 1982